SCHÖNE NEUE ENTWICKLUNG - MEGAPROJEKTE, PRIVATISIERUNG UND DIE VERTREIBUNG DER MAYA

Die seit Jänner dieses Jahres amtierende Regierung von Präsident Alvaro Colom spricht von Versöhnung und Menschenrechten. Ihre Wirtschaftspolitik setzt dabei auf Großprojekte im Energie-, Bergbau- und Infrastrukturbereich, die - wie am Beispiel des nördlichen Quiché deutlich wird - die lokale Maya-Bevölkerung zusehends ihrer Lebensgrundlagen berauben.

Am 13. März dieses Jahres versammelten sich im Rathaus von Nebaj Bürgermeister Virgilio Jerónimo Bernal Guzmán, seines Zeichens auch Präsident einer Vereinigung mehrerer Stadtgemeinden des Ixil-Gebiets, VertreterInnen der Mesa Regional Ixil, eines Zusammenschlusses verschiedener lokaler Organisationen, und der indigene Bürgermeister von Nebaj. Ziel dieses Treffens waren der letzte Feinschliff und die anschließende Unterzeichnung eines Abkommens mit dem Nationalen Tourismusinstitut über die "Entwicklung der Region". Der Ausbau von Tourismusprojekten ist nur eines der neuen wirtschaftlichen Betätigungsfelder im nördlichen Quiché. Bereits seit Jahren ist das italienische Energieunternehmen ENEL ("Ente nazionale per l'energia elettrica") vor Ort präsent und konnte seine Aktivitäten zur Errichtung von Wasserkraftwerken dank einer großzügigen staatlichen Politik der Lizenzvergaben rasch ausweiten.(Im Rahmen des gesamtamerikanischen Sozialforums in Guatemala verurteilte das Ständige Tribunal der Völker die in San Simón, El Salvador, operierende ENEL GREEN POWER, ein Tochterunternehmen von ENEL Italien, unter anderem wegen schwerwiegender Umweltverschmutzungen und des übermäßigen Verbrauchs von Wasser aus den Quellen der umliegenden Gemeinden als Folge eines Projekts zur geothermischen Energiegewinnung). Rund 28.000 Cuerdas (umgerechnet 200 Hektar) Land soll ENEL mittlerweile von nunmehr ehemaligen KleingrundbesitzerInnen erworben haben. Ein großer Teil davon liegt innerhalb des Naturreservats Cerro Visis. Auch sechs Dörfer befinden sich auf dem neuen ENEL-Gebiet, deren BewohnerInnen, die dieses Land seit jeher bewohnen und bewirtschaften, erst im Nachhinein von den geänderten Besitzverhältnissen erfuhren.

Die honduranische HidroXacbal kam ebenfalls relativ einfach und innerhalb kürzester Zeit zu jenen Grundstücken, die sie für die Errichtung eines Kraftwerks am Fluss Xacbal benötigt. Ein Teil dieses Landes stammt aus dem illegal angeeigneten Grundbesitz der Finca La Perla, dessen Rückgabe angrenzende Gemeinden seit Jahrzehnten fordern. Der Reichtum an Wasserquellen im Ixil-Gebiet lenkte ebenfalls bereits die Aufmerksamkeit verschiedener in- und ausländischer Firmen auf sich. Und auch das eine oder andere neue Bergbauprojekt steht in Aussicht. Die Umsetzung erfolgt stets ähnlich und beinhaltet die gezielte Desinformation der örtlichen Bevölkerung und ihre garantierte Nicht-Beteiligung an zukünftigen Gewinnen.

Eine beliebte Strategie bildet die Kooptation von Führungspersönlichkeiten der lokalen Volksorganisationen. In der Region wird bereits darauf hingewiesen, dass Vorhaben, die auf die natürlichen Ressourcen abzielen, anfangs oft in Gestalt sozialer Projekte erscheinen. Auch der zunehmende Ausbau des Straßennetzes dient nicht vorrangig den Interessen der Bevölkerung, sondern verbindet in den meisten Fällen Bezirkshauptstädte mit Bergminen oder geplanten Wasserkraftwerken. Maßgeblich beteiligt an dieser Entwicklung sind die guatemaltekische Regierung, Bürgermeister, nationale wie internationale Unternehmen und neuerdings auch das guatemaltekische Tourismusinstitut. Die BewohnerInnen der Region fürchten zunehmend um ihr Land, ihre Wälder, ihre Flüsse, ihre Quellen und ihre Seen - und befürchten nicht zuletzt eine fortschreitende Privatisierung ihrer Kultur.

Beginnt man die ungeheure Menge an Berichten von Menschen aus unterschiedlichen Dörfern zu sammeln und einander gegenüber zu stellen, ergibt sich ein zunehmend einheitliches Bild: Hinter den Kulissen des neuen offiziellen Versöhnungsdiskurses und dem Bestreben, die so genannte "Nachkriegsetappe" abzuschließen, wird eine beschleunigte Privatisierung natürlicher Ressourcen und eine "Neuordnung" des Territoriums betrieben, in dem die Maya-Bevölkerung mehr und mehr an den Rand gedrängt wird.

Im Dorf Xix, im Bezirk Chajul, wird zurzeit von der Firma Claro ein Sendemast errichtet. Claro gehört zum Unternehmenskomplex des mexikanischen Multimilliardärs Carlos Slim. Der Verkaufserlös des vormaligen Landbesitzers beträgt umgerechnete 10.000 Euro. Auch andere Landtitel wechselten dort in letzter Zeit die BesitzerInnen. Mittlerweile verfügen die BewohnerInnen von Xix nur noch über eine einzige Wasserquelle, die für das gesamte Dorf bei weitem nicht ausreicht. Auf der Suche nach Wasser müssen sie in die Nachbargemeinde Xacalte ausweichen. In den beiden Dörfern Palop und Salquil Grande ist die Situation der Wasserversorgung ähnlich. Zu Beginn dieses Jahres kam es zum Streit, und die BewohnerInnen von Palop verweigerten jenen von Salquil Grande die Entnahme von Wasser aus ihren Quellen. Bei dem Zusammenstoß gab es vier Verletzte. Die Anzahl an geplanten oder bereits in Bau befindlichen, mehrheitlich sogenannten "kleinen" Wasserkraftwerken, ist mittlerweile unüberschaubar geworden. Es gibt praktisch keinen einzigen Fluss mehr im wasserreichen Ixil-Gebiet, der nicht an mindestens einer Stelle für die Stromerzeugung aufgestaut oder umgeleitet wird. Wer nun annimmt, dass sich die Versorgung der ansässigen DorfbewohnerInnen mit Elektrizität verbessert hätte, irrt.

Mit dem neuen Jahr begann unter der neuen Regierung von Álvaro Colom im Maya-Ixil-Gebiet eine neue Offensive guatemaltekischer und internationaler Firmen. In Anlehnung an die jüngere Vergangenheit, die noch lebendigen Erinnerungen an den Bürgerkrieg und die gezielte Desinformation spricht die ansässige Bevölkerung vermehrt von geheimen politischen und wirtschaftlichen "Manövern" auf ihrem Gebiet - und wird sich zunehmend dessen bewusst, dass diese vor allem auf ihre natürlichen Reichtümer abzielen. Kritik dieser Art wird in Guatemala wiederum regelmäßig von einer Kriminalisierung der aufmüpfigen Bevölkerung begleitet: Wer sich dagegen ausspricht, sei "asozial, faul, gegen Entwicklung", lauten die wiederholten Vorwürfe. Der Pfarrer von Chel, der den Menschen vom Verkauf ihres Landes abriet, musste in Folge wiederholter Morddrohungen das Land verlassen. Paradoxerweise war dieser Pfarrer der einzige in der Gegend, der eine lokale Turbine zur Stromerzeugung bedienen konnte. Da deren Betreibergesellschaft nach seiner Flucht einen Ingenieur anstellen musste, wurden die Stromrechnungen der AnwohnerInnen sofort erheblich teurer.

Nicht nur der natürliche Reichtum im Allgemeinen, sondern auch die wenigen noch verbliebenen Grundstücke im Kommunalbesitz sind von der zunehmenden Penetration des Gebiets durch nationale und internationale Unternehmen bedroht. Oft sind die Besitzverhältnisse der betreffenden Grundstücke nicht restlos geklärt. Und vielfach handelt es sich dabei um Land, das vor Jahrzehnten den indigenen Gemeinden geraubt wurde und ihren rechtmäßigen BesitzerInnen bis zum heutigen Tage vorenthalten wird. "Unser Land, das uns nie zurückgegeben wurde, befindet sich heute in den Händen nationaler und internationaler Unternehmen", so drückte es ein Bewohner von Nebaj beim Sozialforum im Oktober aus.

Auch das Wegerecht für die Unternehmen ist zu einem nahezu alle Dörfer betreffenden Thema geworden - und wird mittlerweile immer öfter verweigert. Vielfach werden mit dem Land auch traditionelle Maya-Gedenkstätten und Orte des Widerstandes mitverkauft. Die Verteidigung ihres Territoriums bedeutete für die Maya-Ixiles immer schon die Verteidigung ihrer Kultur. Und die Verteidigung ihrer Ressourcen bedeutet letztlich auch die Verteidigung ihrer Lebensgrundlagen und ihres Rechts, sich und ihre Familien angemessen ernähren und versorgen zu können.

Während sich im internationalen Menschenrechtsdiskurs zunehmend ein mehrdimensionales Verständnis der grundlegenden Begriffe durchsetzt, entwickelt sich das Leben der vorwiegend indigenen Bevölkerung im guatemaltekischen Hochland in die entgegengesetzte Richtung. Bei der Definition von Armut wird mittlerweile nicht nur die mangelnde Befriedigung grundlegender materieller Bedürfnisse und der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung mit eingeschlossen, sondern in zunehmendem Maße wirtschaftliche Chancen und die Sicherstellung der eigenen Ernährungsbasis, die Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen und eine intakte Umwelt. Den speziellen Rechten indigener Völker auf ihre Kultur und ihr Territorium widmet sich eine vor rund einem Jahr verabschiedete UN-Resolution, an deren Entwurf auch der guatemaltekische Staat beteiligt war. Vor mehreren hundert Jahren mussten die Mayas in Folge der Erschließung des fruchtbaren Tieflandes durch die weiße und ladinische Bevölkerung ins weitaus weniger ertragreiche Hochland weichen. Während des Krieges wurden die Menschen von dort erneut vertrieben. Im Widerstand litten die Menschen Jahrzehnte lang Hunger und hatten in den Bergen Tausende Hungertote zu begraben. Heute leben offiziellen Zahlen zufolge im gesamten Departement Quiché rund 85 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze und fürchten die Privatisierung ihrer natürlichen Ressourcen und erneut um das Land ihrer Großmütter und -väter. Als wiederholte sich die Geschichte...

Christina Buczko, Dezember 2008;