GESCHICHTE

Konquista und Kolonialzeit
Das heutige Guatemala galt zur Zeit der Eroberung durch die Spanier (Pedro de Alvarado (1523-25) als Kerngebiet der Mayakultur, deren Ursprünge bis in das 3. Jahrtausend zurückreichen. In der Kolonialzeit wurden die Grundlagen für die z.T. bis heute andauernden politischen und sozio-ökonomischen Strukturen geschaffen. Die mehr als 500 Jahre andauernde Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und deren Widerstand prägen das Land. Hand in Hand mit der katholischen Kirche brachten die spanischen Eroberer die Maya mehr und mehr unter ihre Kontrolle und verpflichteten sie als „billige“ Arbeitskräfte. Nach der Unabhängigkeitserklärung von 1821, dem kurzzeitigen Anschluss an Mexiko und dem Scheitern der Zentralamerikanischen Förderation 1839 verkündete Guatemala 1847 seine Eigenstaatlichkeit.

Liberale Reformzeit - Beginn der "Bananenrepublik"
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es unter dem Präsidenten Manuel Estrada Cabrera (1898-1920) zu den ersten Verträgen zwischen nordamerikanischen Grossunternehmen (z.B. United Fruit Company - UFCO) und Guatemala. In der Folge erwarb die UFCO große Mengen an Land, das sie aus Investitionsgründen zum Teil brach liegen ließ. Sie pachtete auf 99 Jahre die Eisenbahnlinien und den einzigen Hafen und machte dadurch den Export direkt von den USA abhängig. Auch die Gewinne aus diesen Plantagen gingen direkt an die UFCO, jeglicher Besitz war für sie steuerfrei. Damit wird Guatemala zu dem, was abwertend eine "Bananenrepublik" genannt wird, abhängig von den USA und anderen ausländischen Investitionen, an denen nur eine limitierte guatemaltekische Oberschicht mitverdiente.

Die Regierung unter General Jorge Ubico (1931-44) war stark antikommunistisch orientiert, Repression gegen neu entstandene Gewerkschaften, Bauernverbände und Medien und hoher Analphabetismus (in den 14 Jahren seiner Machtausübung wurde keine einzige Schule erbaut) kennzeichneten die Periode.

Demokratischer Frühling
Die 1944 mit dem Sturz von General Jorge Ubico eingeleitete Phase sozialliberaler Reformen unter den Präsidenten J.J. Arévalo und J. Arbenz ("Die zehn Jahre des demokratischen Frühlings"), beendete 1954 gewaltsam ein CIA-gestützter Putsch des Generals Castillo Armas. Hauptgrund war die im Zuge der umfassenden Agrarreform beschlossene Enteignung der "United Fruit Company" (UFCO).

Die sozialen Veränderungen der Reformregierung waren nicht im Sinne der US-Investoren und der konservativen Oligarchie, vor allem der Landbesitzer, die eine internationale Kampagne gegen die Regierung geführt hatten.
Arbenz musste abdanken und wurde nach Mexiko ins Exil geschickt. Viele Reformen, Gesetzesänderungen und Landenteignungen wurden rückgängig gemacht, Gewerkschaften und oppositionelle Parteien verboten und die selektive und massive Repression gegen "KommunistInnen" eingeleitet.

Repression und Entstehung der Guerilla
Diese Konterrevolution verschlechterte die Lebensbedingungen der großen Bevölkerungsmehrheit, bestehend aus LandarbeiterInnen, Indigenen und ArbeiterInnen. Die Armut und Unterdrückung der Bevölkerung war unerträglich, die politische und ökonomische Macht konzentrierte sich auf einige wenige Familien, Änderungen waren nicht in Sicht. Die Opposition, kritische StudentInnen und GewerkschafterInnen wurden verfolgt, verschleppt und hingerichtet. Nach einem gescheiterten Putschversuch am 13. November 1960 gründeten die Offiziere Luís Augusto Turcios Lima, Luis Trejo, Alejandro de León und Marco Antonio Yon Sosa die erste Guerilla, die Fuerzas Armadas Rebeldes (FAR).

Um die Situation zu entschärfen, wurden 1966 Wahlen angesetzt, die der von der "Revolutionären Partei" (PR) nominierte zivile Kandidat Julio César Méndez Montenegro (1966-70) gewann. Auch er verfolgte den repressiven Kurs der vorherigen Diktaturen und sicherte die wirtschaftlichen Interessen der USA weiter. Unter seiner Regierung wurden mehrere Todesschwadronen zum Kampf gegen die Aufständischen gegründet. Die Militärführung bestimmte die darauf folgenden Präsidenten. Die zunehmende Tätigkeit der Guerilla (nach und nach waren in den 70ern das Ejército Guatemalteco de los Pobres (EGP), die Organización Revolucionaria del Pueblo en Armas (ORPA) und eine bewaffnete Fraktion der verbotenen kommunistischen Arbeiterpartei PGT im Untergrund entstanden. Die Herausbildung dieser Guerillafraktionen im Zusammenspiel mit der Weigerung der Zivilbevölkerung sich der Militärherrschaft zu unterordnen, zog immer schärfere Maßnahmen des Militärs nach sich, das mit der wirtschaftlichen und logistischen Unterstützung der USA agierte. Am 29. Mai 1978 kam es zum ersten großen Massaker an der indigenen Bevölkerung: Mehr als 100 Menschen, unter ihnen auch viele Frauen und Kinder, die in Panzos, Baja Verapaz, friedlich für ihre Landrechte demonstriert hatten, wurden vom Militär niedergemetzelt. Im selben Jahr gelangte einer der grausamsten Diktatoren, General Romeo Lucas García (1978-1982), an die Macht. Er begann seine Regierungsperiode mit der Ankündigung, Guatemala demokratisch zu öffnen, während er die blutigste und folgenschwerste Militärkampagne gegen die Guerilla und die Zivilbevölkerung einleitete.

Nach den Wahlen von 1982 kam es zu Protesten, und im März gelangte General José Efraín Ríos Montt (1982-1983) über einen Putsch an die Macht. Als Angehöriger der evangelikalen Sekte El Verbo vertrat und trug er wesentlich zur Stärkung dieser fundamentalistische Strömung im Land bei. Unter dem Banner der Guerillabekämpfung betrieb er die berüchtigte Strategie der Politik der verbrannten Erde. Dabei kontrollierte und militarisierte weite Teile der Zivilbevölkerung indem er sie in seine Sicherheitsstrategien integrierte. Die bewaffneten Zivilen Selbstverteidigungstruppen (PAC) wurden in unzähligen Gemeinden im Hochland gegründet, um die Bevölkerung vor der Guerilla zu schützen, die DorfbewohnerInnen zu bespitzeln und unter Kontrolle zu halten. Wer sich nicht in dies Patrullen einordnen ließ, wurde der Guerilla zugerechnet und sollte damit eliminiert werden. Sondereinheiten des Militärs, wie die berüchtigten Kaibiles, spezialisierten sich auf die Bekämpfung und Folter der "Subversiven" und "Kommunisten". Ríos Montt wurde schließlich von seinem Verteidigungsminister General Oscar Humberto Mejía Víctores (1983-86) durch einen Putsch gestürzt, was allerdings kein Ende der Militärdiktatur bedeutete.

Mehr als 660 Massaker durch das Militär, ebenso viele vernichtete Dörfer, 200.000 Tote, 20.000 Vermisste, eine Million Flüchtlinge und letztlich eine vollständig traumatisierte Bevölkerung sind die Bilanz der Terrorregime von Lucas García und Ríos Montt. Geheime Friedhöfe (cementerios clandestinos) wurden angelegt, so dass für viele Angehörige bis heute ungewiss ist, wer ermordet wurde oder ins Ausland oder in die Berge fliehen konnte.

(Mehr dazu im Wahrheitsbericht: http://shr.aaas.org/guatemala/ceh/mds/spanish/

Das Ende des Terrors?
Vor allem auf Grund des internationalen Protests kam es 1985 zu demokratischen Wahlen, aus denen der Zivilist und Christdemokrat Marco Vinicio Cerezo Arévalo (1986-90) siegreich hervorging. Die unter der Diktatur eingefrorene Wirtschaftshilfe der USA wurde wieder verstärkt und die Hoffnung auf soziale und demokratische Entwicklung stieg - doch leider zu Unrecht, denn im Hintergrund zogen die Militärs weiterhin die Fäden. 1991 wurde Jorge Serrano Elías zum Präsidenten gewählt. Er war ebenfalls spiritueller Führer einer Sekte, außerdem Berater des UnternehmerInnenverbandes CACIF und ehemaliges Mitglied der ultrarechten Partei MLN. Serrano behielt die Methoden der Militärdiktaturen (PAC, Modelldörfer und Bekämpfung der Guerilla) und die sozialen und politischen Strukturen bei.
1992 wurde der im Exil lebenden Maya Rigoberta Menchú Tum der Friedensnobelpreis für ihren Kampf um Gerechtigkeit in Guatemala verliehen. Dies war eine deutliche Absage der internationalen Gemeinschaft an die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung.

Nach 36 Jahren Bürgerkrieg unterzeichneten Präsident Alvaro Arzú (PAN) und Vertreter der URNG (Zusammenschluss der 4 Guerillabewegungen) am 29.12.1996 die Friedensverträge. Doch ein klares Indiz für die wahren Machtverhältnisse lieferte die Ermordung von Bischof Juan Gerardi am 26.4.1998. Er wurde als Hauptverantwortlicher des Wahrheitsberichtes "Nunca Más“ zwei Tage nach der Veröffentlichung ermordet. Inzwischen wurde unter der PAN-Regierung eine Liberalisierungspolitik betrieben, die vor allem das Eindringen internationaler Unternehmen ermöglichte sowie die Interessen der Oligarchie begünstigte und absicherte.

Bei den Präsidentschaftswahlen vom 26.12.1999 siegte Alfonso Portillo von der rechtspopulistischen Republikanisch-guatemaltekischen Front (FRG), wobei E. Rios Montt die Position als Kongresspräsident einnahm. Bereits unter A. Portillo geriet die Umsetzung der Friedensverträge ins Stocken. Zudem kam es zu einem massiven Anstieg von Menschenrechtsverletzungen sowie Morddrohungen und Übergriffen auf MenschenrechtsverteidigerInnen. Parallel dazu etablierte sich die Straflosigkeit für die Verbrechen der Gegenwart sowie für die während dem bewaffneten Konflikt begangenen Greueltaten. Die schwelenden Landkonflikte sowie die anhaltend schwierige sozio-ökonomische Situation der indigenen Bevölkerungsmehrheit blieben weitere ungelöste Probleme.

Vier Jahre später setzte sich Oscar Berger mit seiner Wahlallianz Gran Allianza Nacional (GANA) durch. Er brachte die Verfestigung der Unternehmerstruktur an den staatlichen Machthebeln mit sich. In Folge wurde die Politik des Staates nach sektorielle Interessen ausgerichtet, die den grossen Oligarchenfamilien und GrossunternehmerInnen entsprachen. Symptomatisch für seine Regierungsperiode war das repressive Vorgehen der staatlichen Regierungskräfte in den Landräumungen und der Durchsetzung der Großprojekte. Zudem wurde die bereits unter Arzú begonnene wirtschaftliche Liberalisierung kompromisslos vorangetrieben. Das hohe Niveau der Alltagsgewalt und Angriffe auf MenschenrechtsverteidigerInnen hielt an. Unter der Regierung Berger zwischen 2004 und 2007 wurden 21.000 Personen umgebracht, womit die Anzahl der Todesopfer von Gewaltverbrechen unter Berger Dimensionen des bewaffneten Konflikts annahm. 98% der Morde verbleiben dabei in Straflosigkeit.

Sozialdemokratie oder Kontinuität?
Auch die im Jänner 2008 angelaufene Amtszeit von Álvaro Colom und der Regierungspartei Union Nacional de Esperanza hat der Gewalt keinen Einhalt geboten. Zwar wurde damit in der Präsident-schaftswahl die Wahl des Vertreters der extremen Rechten, des früheren Generals Otto Pérez Molina verhindert, allerdings scheint die UNE Regierung, die sich als sozialdemokratisch definiert, ebenfalls „mano dura“ als einzige Lösungsmöglichkeit für die Sicherheitsprobleme zu kennen. Im ersten Regierungsjahr Coloms kam es vor allem zu einer fortschreitenden Remilitarisierung vieler Landesteile, wobei sowohl das Budget des Verteidigungsministeriums als auch die Anzahl der Truppenmitglieder aufgestockt wurde. Diese Stärkung des Militärs scheint auch den Interessen der USA zu entsprechen, die im Kampf gegen den Drogenhandel, der sich im Land etabliert hat, auf das Militär setzt. Unklar bleibt ob diese Remilitarisierung der Landesteile dem Kampf gegen die Drogenkartelle gewidmet ist, oder ob dahinter nicht die Absicherung der Großprojekte und der natürlichen Ressourcen sowie die Bekämpfung der sich gegen dieses Entwicklungsmodell wehrenden sozialen Widerstandsbewegungen liegt.

Die schwierige Situation für MenschenrechtsverteidigerInnen hält an, wobei sie nicht nur regelmäßig Opfer von Übergriffen werden, sondern zunehmend auch der Kriminalisierung durch staatliche Untersuchungsinstanzen unterliegen. Den staatlichen Menschenrechtsinsitutionen der SEPAZ und COPREDEH scheint hingegen die Rolle zuzukommen, die Konfliktivität im Landesinneren auf einem verträglichen Niveau zu halten, um im Gegenzug die Durchsetzung der Großprojekte zu garantieren, die auch unter der Regierung Colom hoch auf der Agenda stehen.